Das Kind isst Nudeln Komm her, kannst heute bei mir essen, ruft Onkel Rhodes, ich schaff nicht alles, so eine Packung ist eben doch zu viel, aber wasch dir vorher noch die Hände. Das Kind tunkt die Finger in die Regentonne und rennt ins Haus, bespritzt die Steinplatten mit kleinen Wassertropfen, setzt sich auf den hochlehnigen Küchenstuhl. Was gibts denn, fragt es, und Onkel Rhodes tut auf. Wie große Regenwürmer winden sich die Nudeln auf beiden Tellern. Du, ich esse aber keine Nudeln, sagt das Kind, doch Onkel Rhodes fängt schon an zu essen. Komm, Mäkki, sagt er zu einem der Regenwürmer, fasst ihn mit Daumen und Zeigefinger am Kopf und lässt ihn in seinen Mund gleiten. Du, das darf man doch nicht, sagt das Kind. Nein, sagt Onkel Rhodes und nimmt die nächste Nudel ebenso. Du musst ihn einfach nur am Kopf packen und in den Mund stecken, den Mäkki. Gut, sagt das Kind etwas später und kaut, gut. Onkel Rhodes nimmt die Kelle und schöpft Soße aus dem blauen Henkeltopf. Ich esse aber keine Tomatensoáe, sagt das Kind. Ach so, sagt Onkel Rhodes, das ist aber nur Erdbeersaft, sagt er, und lässt die Soße über seine Nudeln laufen. Wie vorhin greift er sich einen Mäkki heraus, schiebt ihn zwischen die Lippen und saugt Tomatensoße hindurch. Man darf aber nicht zutschen, sagt das Kind. Stimmt, sagt Onkel Rhodes und hört auf, kaut und verschluckt seinen Strohhalm. Dann nimmt er eine andere Nudel, das ist Rekordlänge, sagt er, und saugt wieder. Gib mir auch bisschen Erdbeersaft, sagt das Kind, Strohhalme hab ich selber. Gut, sagt Onkel Rhodes, wolln wir mal probieren, wer am lautesten zutschen kann? Das Kind fliegt Flugzeug Einen ganzen Block mit weißem Papier hat sich das Kind genommen, und es hat ein Blatt nach dem anderen herausgerissen, erst in der Länge geknickt, dann die linke Ecke schräg gefaltet und die rechte, genau wie es ihm Onkel Rhodes gezeigt hatte, und dann die umgenickten Seiten nach innen eingedrückt, damit vorn ein spitzes Dreieck entsteht, dessen hintere Ecken das Kind noch einmal nach vorn knickt, um schließlich die Flügel zur Seite falten zu können. Vergiss nicht, hinten in der Mitte noch einen Falz zu machen, sagt Onkel Rhodes, der neben ihm am offenen Küchenfenster steht, dann fliegt es besser. Das Kind macht einen Falz, und es knickt auch die Flügel noch mehrmals, und endlich hat es einen solchen Flugzeugstapel beisammen, dass es nicht immerzu in den Garten einsammeln gehen muss. Es kann losgehen, sagt das Kind, und Onkel Rhodes nickt. Er setzt sich und nimmt wieder den alten Schuh zur Hand, an dem er eben den Absatz befestigen wollte. Das Kind probiert erst in der Küche, und die Flieger funktionieren prima, sagt es, und steht schon am Fenster, wo es aus größerer Höhe starten kann als draußen im Garten. Das erste Flugzeug hat Pech, ich habe zu doll geworfen, denkt das Kind, aber schon Nummer Zwei segelt wie es sich gehört, es fliegt in einem Kreisbogen und landet dann direkt vor dem Kaninchenstall. Du hast Glück, sagt Onkel Rhodes, der sich wieder mit ans Fenster gestellt hat, heute ist ein ganz windstiller Tag und nichts stört deine Flugzeuge, sagt er, der Wind schläft im Kaninchenstall heute, sagt Onkel Rhodes, deshalb ist alles so ruhig draußen, und das Kind wirft ein Flugzeug nach dem anderen aus dem Fenster, an dem Onkel Rhodes jetzt ein klein wenig das Rollo herunterlässt, nur soviel, dass ihm die Sonne nicht mehr ins Gesicht scheint. Alle Flugzeuge segeln einen Kreisbogen, der vor dem Kaninchenstall endet, und das Kind denkt daran, was Onkel Rhodes über den Wind gesagt hat, draußen ist's trocken, deshalb geht es in Hausschuhen nachsehen, ob wirklich jemand im Kaninchenstall schläft, doch außer drei faulen Kaninchen ist nichts zu sehen. Es ist nur noch ein Flugzeug übrig, und das Kind wünscht sich, dass es besonders hoch fliegt, bloß was soll ich da machen, denkt das Kind, und es überlegt, ob Onkel Rhodes nicht vielleicht doch die Wahrheit gesagt hat über den Wind im Kaninchenstall, und das Kind beugt sich besonders weit aus dem Fenster, ruft etwas, das es selbst nicht versteht, in Windsprache in Richtung Kaninchenstall und lässt das Flugzeug fliegen, und die Kaninchenstalltür fängt laut an zu klappern und der unterste Ast des Pflaumenbaums in der Mitte des Gartens muss ganz schnell dem Flugzeug ausweichen, damit kein Unglück passiert, und der Flieger fliegt seinen Kreis nach oben statt nach rechts und ist plötzlich nicht mehr zu sehen. Onkel Rhodes, komm, der Wind hat mein Flugzeug mitgenommen, ruft das Kind, und Onkel Rhodes kommt ans Fenster geschlurft mit nur einem Pantoffel in der Eile, und suchend mustert er den Himmel und zeigt schließlich auf einen kleinen, schwarzen Punkt links zwischen Sonne und Pflaumenbaum, da oben ist dein Flugzeug, sagt er, und das Kind schaut und schaut, ob es nicht zurückkkommt. Und am nächsten Tag sucht es den Punkt links zwischen Sonne und Pflaumenbaum, und am übernächsten, und das Flugzeug ist immer noch da, und das Kind wird traurig, weil es an den Piloten denkt, der da von links zwischen Sonne und Pflaumenbaum eine gute Aussicht hat, aber nie wieder zu seiner Frau nach Hause fliegen kann. Das Kind spielt Würfel Ich will, dass Du gewinnst, sagt das Kind zu Nummer 22. Du musst gewinnen, dann werden wir berühmt, und die blaue Figur nickt, während der Plüschhund, der es sich auf einem Stuhl mit grünem Quietschpolster gemütlich gemacht hat, kaum sichtbar mit den Augen blinzelt. Ich sage dir jetzt ganz ernsthaft, Nummer 22, und das Kind sieht die blaue Holzfigur mit verkniffenenem Mund an, wenn du nicht gewinnst, passiert etwas, und das letzte Wort des Kindes lässt den Plüschhund nun doch aufschrecken. Als Lieblings-Plüschtier hat er etwas zu sagen, denn das Kind hat noch einiges gutzumachen, seit es ihn damals fast hätte verbrennen lassen in der Weihnachtskerze. Also, sagt das Kind nachdrücklich, ich würfle jetzt, und wenn es nicht klappt mit dem Gewinnen, doch das Kind verrät nicht, was dann passiert. Endlich hat der Plüschhund beide Augen offen, er sieht das Kind weit über den großen Wohnzimmertisch gebeugt, der zur Hälfte mit Papier bedeckt ist. Auf diese Unterlage hat das Kind lauter kleine Kreise gemalt, die eine recht verschlungene Figur bilden, und immer, wenn das Kind gewürfelt hat, setzt es eine der Holzfiguren ein paar Schritte weiter. Alle, die gelben, roten, blauen wie grünen, sind mit schwarzem Filzstift numeriert, und das Kind hält gerade eine blaue Figur namens 22 hoch und spricht leise mit ihr. Der Plüschhund will beide Ohren aufstellen, doch nur eines gehorcht, weil das Kind das andere schon längst durch ständiges Streicheln zerfetzt hat. Trotzdem hört der Plüschhund, was das Kind flüstert: Du musst gewinnen, sagt es, sonst bist Du schlecht, so. Der Plüschhund fletscht die Zähne, und fast gleichzeitig sieht er jemanden hinter das Kind treten, so dass sich seine letzten Plüschhaare am Stummelschwanz aufrichten. Du musst jetzt gewinnen, sagt das Kind wieder zu Nummer 22, sonst werfe ich Dich ins Feuer, und der Jemand lächelt, er tritt einen halben Meter zurück und will sich auf den Stuhl setzen, auf dem der Plüschhund liegt. Zum Glück kennt der schwarze Hund mit den wenigen Haaren den Quietschpolster-Stuhl schon sehr lange, er muss ihm nur ein kleines Zeichen geben, damit der Stuhl ein gehöriges Stück nach hinten ausweicht. Der Jemand kommt ins Straucheln, und das ist die perfekte Gelegenheit, ihm ins Genick zu springen, denkt der Plüschhund, und mit einem Riesensatz und einem angsteinflößenden Fauchen, das er höchstens der Hauskatze zugetraut hätte, springt er von der Stuhlkante ab, so dass auch der Quietschpolster-Stuhl das Gleichgewicht verliert und einfach umkippt. Der Jemand hat anscheinend etwas gemerkt, aber der Plüschhund kommt so schnell angeflogen, dass sich der Jemand nur noch in grauen Nebel auflösen und dazu grässliche Flüche ausstoßen kann. Der Plüschhund jedoch landet auf dem Rücken des Kindes, wo er sich im Norweger-Pullover festkrallt, und das Kind erschrickt, und auf einmal liegen beide rücklings auf dem Boden unter dem Wohnzimmertisch und haben die Decke mit sich gezogen, und das Kind lacht und die Holzfiguren liegen zerstreut um den Tisch und das Kind fragt den Plüschhund, was machst Du denn, Du Blödmann, aber der Hund sagt jetzt erstmal überhaupt nichts mehr. (c) Matthias Matting